Wir bringen die „Immobilien Zeitung“ in den Weltraum

//Wir bringen die „Immobilien Zeitung“ in den Weltraum

„Fotomontage!!!“ Die Reaktion auf das Bild mit der Immobilien Zeitung im Weltraum fällt immer gleich aus. Aber wir haben die IZ wirklich ins All gebracht – oder glauben Sie das nicht?

Es ist der 17. März, früher Nachmittag. Das Telefon klingelt, am anderen Ende der Leitung meldet sich der Deutsche Wetterdienst. Er hat schlechte Nachrichten, sehr schlechte Nachrichten. „Für Morgen werden schwere Schneestürme vorhergesagt. An einen Start ist nicht zu denken.“

Das war’s. Aus und vorbei. Es wird keine Immobilien Zeitung im Weltall geben! Seit einem halben Jahr laufen die Recherchen und die Vorbereitungen für unseren Weltraumflug. Wochen haben wir allein dafür gebraucht, herauszufinden, ob und wie diese Schnapsidee überhaupt realisiert werden kann. Und nun, als wir glaubten, es könnte entgegen allen Prognosen doch noch klappen, scheint es endgütig gescheitert.

Vielleicht lässt sich der Termin um ein oder zwei Tage verschieben, wenn das Wetter wieder besser ist? Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. „Das geht leider nicht“, erläutert Sebastian Funk, „da haben wir keinen Slot von der Deutschen Flugsicherung.“ Funk ist Physiklehrer und so etwas wie unser Weltraumexperte. Er stand bereits mit Ranga Yogeshwar vor der Kamera und schreibt Geschichten für die Sendung mit der Maus. Und er hat es schon zweimal in die Stratosphäre geschafft – in die Schicht der Erdatmosphäre, die bei etwa 10 km Höhe beginnt und bis 50 km über dem Erdboden reicht.

Die Aufgabe für das IZ-im-All-Team ist so simpel wie praktisch nahezu undurchführbar: Die Immobilien Zeitung soll in den Weltraum gebracht und dort selbstverständlich auch fotografiert werden. Ausgedacht hat sich das unser „OK25“, das Organisationskomitee für das Magazin zum 25. Geburtstag der Immobilien Zeitung. Wir wollten den Lesern zeigen, dass den Redakteuren für ihre Leser keine Mühe zu groß und kein Weg zu weit sei. Zum 20-jährigen Jubiläum hatten wir die IZ in den Tschad zu den Buschmännern gebracht, die Ansprüche fünf Jahre später wurden natürlich höhergeschraubt.

„Der Redaktion ist keine Mühe zu groß und kein Weg zu weit“

Bei einer ersten kleinen Ergebniskonferenz im Oktober 2017 fassen wir zusammen: Mit einer Rakete würden wir die Zeitung sicher nicht in den Weltraum bekommen. Um dies bezahlen zu können, muss man schon Elon Musk heißen und genügend Geld für eine eigene Rakete mitbringen. Nasa und ESA zeigen nicht die geringste Bereitschaft, für irgendwelche dahergelaufenen Journalisten Dinge ins Weltall zu schleppen. Alternativen müssen her. Und die gibt es: Eine davon heißt Wetterballon. Die schaffen es in enorme Höhen, bevor sie zerplatzen und ihre Fracht mittels Fallschirm wieder auf die Erde entlassen. Die Fracht wäre in unserem Fall die Zeitung und ein Kameraset, das den Raumflug dokumentiert. Wir benötigen also jemanden, der eine solche Raumsonde bauen kann. In Sebastian Funk finden wir ihn.

Funk unterrichtet an der privaten Schule Villa Wewersbusch in Velbert-Langenberg. Das ist keine gewöhnliche Schule. Bücher und Hefte sucht man hier vergeblich, auch Kopierer gibt es keine. Das iPad gehört zum täglichen Gebrauch, gearbeitet wird in Gruppen. Die Schüler tragen Einheitskleidung und im Schulgebäude Pantoffeln. „Nerds“ ist der erste Gedanke beim Kennenlernen. Nach den anfänglichen Gesprächen wird schnell klar: Funk und seine Schüler sind genau die Experten, die wir suchen.

„Für die Kameras brauchen wir eine temperaturbeständige Verpackung. In der Höhe, in die wir vordringen wollen, liegt die Außentemperatur bei minus 60 Grad. So etwas mögen Kameras nicht“, gibt Funk schon früh die Richtung vor. „Zudem zwei GoPros nebst Akkupacks sowie zwei GPS-Sender, damit wir die Kameras auch wiederfinden.“ Ein besonders leichter, dabei aber stabiler Styroporkasten wird das technische Equipment beherbergen. Von ihm gehen zwei Drahtstäbe ab, die die Immobilien Zeitung festhalten, auf die dann die beiden Kameras gerichtet werden. All dies hängt an einem mit Helium gefüllten Wetterballon. Am Ende wird dann noch ein Fallschirm am Kasten befestigt, und fertig ist die Sonde. An dem Ballon soll die Sonde in die Stratosphäre steigen, in der es kaum noch Luftdruck gibt. Dort dehnt sich der Ballon deshalb immer weiter aus und zerplatzt schließlich, was den Fallschirm öffnet. Die Sonde gleitet anschließend am Fallschirm sicher auf die Erde zurück – so lautet jedenfalls der Plan.

Es gibt viel mehr Gründe für ein Scheitern als für einen Erfolg

Vieles kann das Vorhaben zu Fall bringen, eigentlich gibt es mehr Gründe für ein Scheitern als für einen Erfolg. Selbst wenn die Technik in der Höhe funktioniert, kann uns schon vorher das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen. Am besten wäre ein klarer Frühlingstag, denn wenn der Ballon durch Wolken steigt, setzt sich Feuchtigkeit an ihm fest, die dann zu Eis wird und durch ihr Gewicht verhindert, dass er die nötige Höhe erreichen kann – hier zählt jedes Gramm. „Wolken sind aber auch deshalb ein Problem, weil die Linsen der Kameras beschlagen könnten und das Kondenswasser in der großen Höhe gefriert. Dann bekommen wir kein scharfes Bild von der Zeitung“, erläutert der Lehrer.

Wetter und Wolken sind auch unsere Feinde, wenn es um die Zeitung selbst geht. Die originale Papiertitelseite der IZ würde sich dort voll Wasser saugen und den Ballon unnötig beschweren, oder sie würde reißen und vom Wind zerfetzt werden. Wir kommen auf die Idee, die Zeitung auf Karton aufziehen zu lassen. „Das könnte klappen, aber dann muss die Oberfläche matt sein, sonst spiegelt sie sich in der Sonne“, mahnt Funk. Letztlich lassen wir ein Bild einer Titelseite auf eine Hartschaumplatte ziehen. Die ist leicht und stabil – die Fracht am Ballon darf nicht mehr als zwei Kilo wiegen.

Ob die Kameras die Temperaturen aushalten, weiß nicht einmal der Hersteller

Schwieriger wird es bei der Elektronik: Selbst beim Hersteller der GoPros kann uns niemand sagen, ob die Akkus bei der Kälte durchhalten. Unsere Grafiker sind skeptisch, dass das GoPro-Bild für eine Auflösung in Magazindruck überhaupt ausreichen wird. Und selbst dann, wenn alles klappt, ist vorher völlig unklar, wo die Sonde landen wird. In der Nähe? Hunderte Kilometer entfernt? Im Meer? Das genaue Zusammenspiel von Gewicht, Wind und Wetter sowie der Höhe, in der der Ballon platzt, lässt sich nicht vorherbestimmen und damit auch nicht der Landeplatz.

Anfang März beginnt der Bau der Sonde. Sebastian Funk hat neun Schüler seiner fünften Klasse um sich versammelt. Die Nachwuchsnerds benehmen sich wie ganz normale Kinder, als sie schnatternd und hin und her hüpfend unter Anleitung ihres Lehrers die Styroporbox bauen, die in den Weltraum geschickt werden soll. Es wird gefaltet, gesteckt und geklebt. Dann wieder gemessen, geschnitten und nachjustiert. Am Ende des Basteltags ist alles komplett: eine unscheinbare Kiste mit zwei Flügeln dran, die das Taumeln reduzieren sollen, und zwei Drahtstäben, an denen die Titelseite der letzten IZ des Jahres 2017 mit der Überschrift „2018 wird ein Super-Jahr“ hängt. Die Waage zeigt an, dass wir unter der Zwei-Kilo-Grenze liegen. Wir sind startklar, in drei Tagen fliegt die IZ ins All …

… haben wir geglaubt. Denn es kommt der Anruf von Deutschen Wetterdienst, der uns mitteilt, dass der Winter ins Bergische Land zurückkehren wird. Damit ist der Weltraumausflug erst einmal gestorben. Aber so leicht geben wir uns nicht geschlagen. Damit 2018 für uns noch ein Super-Jahr werden kann, muss ein neuer Termin her. „Der Freitag scheidet aus“, gibt das Team zu bedenken. „Das ist der 13.“ Nein, an einem Freitag dem 13. wollen wir das Experiment nun wirklich nicht wagen. Wir setzen also auf Donnerstag, den 12. April. Nachdem auch die Flugsicherung ihr Okay gegeben hat, steht der Termin fest. Diesmal soll es klappen.

Und dann gibt es Hiobsbotschaften von Petrus

Zwei Tage vor dem großen Ereignis ist der Optimismus groß, einen Tag davor schon nicht mehr: Es gibt wieder Hiobsbotschaften von Petrus! Der Deutsche Wetterdienst meldet für den nächsten Tag Gewitter in großen Höhen, deren Hagelkörner die dünne Latexhaut des Ballons durchschlagen könnten. Wieder verschieben? Einen dritten Termin suchen? Würde das zeitlich noch vor dem Redaktionsschluss klappen? Nachmittags klingelt erneut das Telefon: In Sachen Gewitter gibt es Entwarnung, gottseidank. Dafür prognostiziert der Wetterdienst in großen Höhen nun starke Winde aus Südwest. Die würden den Ballon sehr weit vom Startplatz wegtreiben und das Auffinden extrem erschweren. Denn eine kontinuierliche Überwachung der Flugbahn des Ballons ist nicht möglich. Die GPS-Sender schalten sich in einer Höhe von 3.000 Metern aus und loggen sich erst wieder ein, wenn sie am Fallschirm auf 3.000 Meter gesunken sind.

Sebastian Funk will den Termin abblasen. Er befürchtet, dass die Sonde in Holland niedergehen könnte. „Damit dringen wir in internationalen Luftraum ein.“ Und wenn der Ballon von besonders starken Winden erfasst wird, könnte der Fallschirm sogar in der Nordsee landen. Eine Variante, die in unseren Horrorszenarien für den Landeplatz bislang nicht vorkam. Ausgemalt hatten wir uns, wie die Box im riesigen Firmenareal von Thyssen landet oder im Vorgarten eines Reihenhauses auf Privatgrund, wie sie auf der Autobahn von einem Vierzigtonner zermalmt wird oder von Kindern gefunden wird, die sich über GoPro-Kameras und GPS-Sender freuen.

Wird die Sonde von einem Lkw auf der Autobahn zermalmt?

Egal! Das Glück ist mit den Mutigen! Wir wagen es! Die IZ-Weltallabteilung macht sich wieder auf dem Weg ins Bergische Land. Herr Funk und seine Schüler bestücken die Kiste mit den aufgeladenen Kameras und Akkupacks. Er lässt durchblicken, dass er einen Erfolg des Projekts wegen des Windes für ziemlich unwahrscheinlich hält. Er hat sicherheitshalber einen Zettel mit seiner Handynummer an der Sonde befestigt – falls sie einem ehrlichen Finder in die Hände gerät.

Auf der Wiese vor der Schule hat der Hausmeister die Heliumflasche aufgestellt und eine weiche Decke unter dem Ballon platziert, damit dieser keinen Schaden nimmt. Langsam, sehr langsam füllt er sich. Gefühlt viel zu lange bleibt der Ballon dabei auf dem Boden liegen. Ob er tatsächlich fliegen kann? Dann beginnt es auch noch zu tröpfeln. Jetzt gibt es aber kein Zurück mehr. „Ganz wichtig: Alle müssen mit daran denken, dass wir die Kameras vor dem Start auch einschalten“, mahnt Lehrer Funk. Mittlerweile haben alle Schüler große Pause und unter viel Hallo und „krass“-Rufen richtet sich der beige Ballon auf. Vollmachen dürfen wir ihn nicht, dann würde er sich zu schnell ausdehnen und zu früh platzen. Er muss gerade so viel vom teuren Helium enthalten, dass er die Sonde trägt. Als es so weit ist, starten wir die Kameras und GPS-Sender, die Box wird mit Gaffa-Tape verklebt. Nun geht alles sehr schnell: Zahllose Kinderstimmen rufen den Countdown, der Ballon hebt lautlos ab – und steuert direkt auf den benachbarten Baum zu. Er verfehlt ihn zum Glück um wenige Zentimeter und verschwindet kurz darauf in der Wolkendecke.

„Und jetzt?“, fragen wir uns. „Jetzt habe ich Physik in der 9b“, erklärt Herr Funk. „In knapp drei Stunden können wir versuchen, die Sender zu orten.“ Nach einem Cappuccino in der Cafeteria der Schule, der unser aller Aufregung nur noch mehr antreibt, gehen wir auf die Suche nach einer Frittenbude. Bei Pommes und Rhabarberschorle lassen wir die Eindrücke Revue passieren, nicht ohne praktisch im Minutentakt auf unsere Handys zu schauen.

Es wird unangenehm, wenn man den holländischen Luftraum verletzt

„Wir haben eine Ortung!“, erscheint nach zwei Stunden und etwa 45 Minuten in der gemeinsamen Whatsapp-Gruppe „IZ im All“. Wir lassen sofort alles stehen und liegen und eilen zurück zur Schule. Dort gibt Lehrer Funk bereits die Koordinaten der GPS-Sender in Google-Maps ein: Ein Acker bei Rheden an der holländischen Grenze erscheint auf deutschem Boden. Als Gegenprobe geben wir die Daten noch bei Apple-Karten ein: Ein Acker jenseits der holländischen Grenze wird angezeigt. Und nun? „Wir glauben jetzt einfach Google“, beschließt Funk. Die Navigation zeigt uns eine rund 130 km lange Reise quer durch das Ruhrgebiet an. Drei der Schüler, die sich alle mit lautem „Ich will, ich will!“ um einen Platz im Auto drängeln, werden ausgelost, und dürfen mitfahren. Los geht die Fahrt auf der A3. Am Kreuz Kaiserberg kommt der Verkehr zum Erliegen. Im Kopf malt die Fantasie Bilder, wie die Kameras in Rucksäcken niederrheinischer Kinder verschwinden. Hinter Dinslaken lichtet sich der Stau und wir brausen über schnurgerade Landstraßen, vorbei an backsteinernen Bauernhöfen, die schon sehr nach Holland aussehen.

Auf einem Feldweg stoppen wir. Nacher an die Ortung kommen wir mit den Autos nicht heran. Ein verwunderter Jungbauer steigt aus seinem Trecker, blickt auf den Bildschirm von Herrn Funks Smartphone und erklärt, der Landeplatz sei etwa einen Kilometer entfernt, quer über das ungepflügte Feld, immer der Nase lang. Vom Jagdtrieb gepackt stapfen wir zu sechst durch Schlamm und Morast, den Blick stets auf das Handydisplay gerichtet.

„Da isser!“, ruft plötzlich einer der Schüler. Die kleine Reisegruppe beschleunigt, um dann vor dem beklebten Styroporkasten stehenzubleiben, der im Acker liegt. „Wo ist denn die Zeitung?“ fragt einer.

Die Sonde ist da, aber die Immobilien Zeitung ist weg

Tatsächlich, nur zwei Metallstäbe, an deren Ende die Titelseite der IZ befestigt war, ragen aus der Sonde. Wieder startet das Kopfkino: Was, wenn d

ie Zeitung schon beim Aufstieg abgefallen ist? Die Akkus der Kameras sind leer, sie starten nicht mehr. Genauso schnell, wie wir durch den Morast zum Fundort gelaufen sind, geht es nun zurück zum Auto. Mittels einer Powerbank wird eine der GoPros wieder aufgeladen, bis sie startet. Der Bildschirm bleibt schwarz. Dafür hören wir aus dem kleinen Lautsprecher ein Rascheln und den Wind wehen. „Wir haben nur Ton und kein Bild“, schießt es uns durch den Kopf. Alles war vergebens! Uns ist zum Heulen zumute.

„Hat einer von Euch ein Mobiltelefon, das Mikro-SD-Karten lesen kann?“, fragt Sebastian Funk. Einer der Schüler hat. Noch nie dauerte es so lange, bis ein Handy neugestartet war. Dann muss es die 4 GB Daten auf der Karte auslesen und plötzlich erscheint ein Bild auf dem Display, das schöner ist, als wir uns es je erträumt hatten: Die Titelseite der Immobilien Zeitung dreht sich, von der Sonne beschienen, in 21 km Höhe über der Erdkugel. Unter ihr die Wolken, über ihr die Schwärze des Alls. Das Leuchten des Displays entfacht das Leuchten in unseren Augen, auf unseren Gesichtern. Alle Anspannung der letzten Monate fällt von uns. Es ist geschafft! Die Immobilien Zeitung war tatsächlich im Weltraum.

Quelle: www.immobilien-zeitung.de
Text: Thorsten Karl, Bilder: Lea Hohneck, Peter Fischer, Thorsten Karl

By | 2018-08-06T12:40:36+00:00 August 5th, 2018|Allgemein|0 Comments

Leave A Comment