Sackgasse Lehrerfortbildung

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Schule neu denken bedeutet auch die Lehrerfortbildung neu zu denken.

Vielleicht liegt es an der winterlichen Stimmung im verschneiten Bergischen Land, vielleicht aber auch daran, dass ich gerade wieder von einer Lehrerfortbildung nach Hause gekommen bin. Fortbildungen haben heute viele Namen. Sie heißen Barcamp, sie heißen Tablet-Tage, sie tragen skurrile oder undefinierbare Abkürzungen als Namen. Hauptsache anders klingen, Hauptsache innovativ wirken. Aber seien wir doch mal ehrlich, im Grunde sind das immer die gleichen Veranstaltungen. Man geht in ein Gebäude, es ist meistens eine Schule oder Vergleichbares, sitzt neben Lehrerinnen und Lehrern bei Pappbecherkaffee und erhält in vollbesetzten Klassenräumen Frontalunterricht. Ja, ich sage es jetzt mal wirklich frei heraus, ein Vortrag ist Frontalunterricht. Ich gehe zu diesen Kongressen, Tagen und Camps aber eigentlich, weil ich mich verbessern möchte. Ich möchte neue Methoden, neue Ansätze, neue Wege erlernen, wie ich das Lehren und Lernen, wie ich Wissensvermittlung besser gestalten kann. Frontalunterricht kenne ich schon. Den hatten wir alle. In der Schule, damals, vor 10, 20 oder 30 Jahren. Die Medien haben sich verändert. Statt handgeschriebener Folien, teils mit schattenspielhaften Pantomimen durch den Vortragenden, erlebe ich heute kinoreife Keynotes, wildes F5-Geklicke bei Powerpoint, oder wie Reliquien der Didaktik empor gehaltene Haushaltsgeräte oder Milchtüten. Aber im Grunde ist es immer gleich. Ich werde immer wieder erneut mit Wissen und Ideen berieselt, frontal. Alter Wein in neuen Schläuchen.

Was aber bleibt hängen und was davon kann ich später wirklich anwenden? 

Bei diesen Zusammenkünften trifft man immer die gleichen Leute. Bitte nicht falsch verstehen, ich freue mich immer alte Wegbegleiter zu treffen. Ich will aber Neues von neuen Leuten lernen, von denen, die eben nicht in der Bildungswelt alteingesessen sind. Die aus anderen Bereichen Impuls für Schule geben. Bei einigen Referenten höre ich den „Workshop“ schon zum dritten Mal. Ich kenne jeden Gag und ja, auch jeden Tippfehler auf den Folien.

Aber ist das wirklich der richtige Weg Neues zu lernen?

Neben den meisten Lehrern steht nach einer solchen Fortbildung ein Jutebeutel voll mit Prospekten, faltbaren VR-Brillen und eine spannende Auswahl an Kugelschreibern. In der Ecke der Trolley voll mit Büchern und erbettelten Materialien, die angeblich neue Methoden und neues Denken verkünden. Meine Beute des letzten Bildungsevents — enttäuschend. Ich saß in überfüllten Workshops und hab mich oft ertappt, wie ich lieber aus dem Fenster starrte, als die Folien auf der leicht verschmutzen weißen Wand zu verfolgen. Ein Blatt im Wind ist fesselnder, als die angebliche Innovation, die mir präsentiert wird.

Ist das wirklich der Weg, wie wir heute neue Bildungswege vermitteln wollen?

Wir planen nun seit einigen Wochen den vierten Bildungskongress an der Villa Wewersbusch. Ich habe Referenten angeschrieben, mit meinen Kollegen über den perfekten Zeitplan diskutiert. Ganz am Anfang haben wir das Thema besprochen. Schule neu denken! Darum soll es gehen. 100 Workshops. 400 Lehrerinnen und Lehrer, sowie Interessierte aus Industrie und Wirtschaft. Wir alle wollen Schule verbessern, doch wir zwängen uns dazu wieder in Klassenräume, in Zeitpläne und in die Schlange vor dem Kaffeeautomaten. Dazu immer die gleichen Referenten mit den immer gleichen Themen. Das ist eine Perversion, das ist der falscher Weg um Schule neu zu denken. Das Konzept gleicht dem anderer Fortbildungen und Bildungstage. Es ist frontales Lehren um neue Methoden zu vermitteln. Nur weil ich GreenScreen, Drohnen und Tablets verwende, wird doch die Methode des Frontalunterrichts nicht besser. Wir möchten, dass unsere Schüler Wissen spielerisch, selbstbestimmt und frei erlernen. Wir wollen, dass sie sich selbst Fragen stellen und Antworten auf diese finden. Unser Unterricht soll zum Mitmachen anregen, er ist aktivierend und vermittelt Spaß. Das passt so gar nicht zur frontalen Berieselung.

Wann haben wir zuletzt in einem Workshop wirklich gearbeitet?

Ein üblicher Workshop dauert 45 bis 90 Minuten. In dieser Zeit kratze ich an der Oberfläche, aber um wirklich in die Tiefe zu gehen, brauche ich mehr Zeit. Ich arbeite auch nicht wirklich. Ich stecke, wenn es gut läuft, vielleicht ein paar LEDs in eine Steckplatine, worauf diese blinken und mir anzeigen, dass der zuvor vom Referenten vorprogrammierte Code funktioniert. Wenn wir aber mal ehrlich sind, weiß ich jetzt immer noch nicht, wie ich von Null auf programmiere oder das alles in meinen Unterricht einbaue. Dafür reicht die Zeit einfach nicht.

Was aber, wenn wir einen Neustart wagen?

Mit meinen Kollegen habe ich mich zusammengesetzt und all das, was Sie gerade gelesen haben, besprochen. Unser Fazit ist einfach. Nach drei Jahren Bildungskongress an der Villa Wewersbusch ist nun Schluss. Es wird kein #ViWe18 geben. Keine Lehrerfortbildung mit frontalen Vorträgen im Grünen. Wir wollen Schule neu denken. Dazu gehört nicht nur der Inhalt und die Werkzeuge, sondern auch die Form, wie und wo wir dieses neue Denken vermitteln wollen. Dieses Vorhaben ist natürlich gewagt. Vor uns ist ein Dschungel aus Trollen, Hatern, eingefahrenen Strukturen und denen, die den Status Quo aufrecht erhalten wollen. Das ist für uns nichts Neues, damit können wir umgehen. Wir brauchen jetzt Mitstreiter. Die, die anders denken. Die Rebellen, die Visionäre, die Querdenker. Die, die sich in kein Schema pressen lassen, die, die Dinge anders sehen.

Was kommt jetzt?

Ich will nicht nur meckern, das wäre zu leicht. Ich will einen möglichen neuen Weg zeigen. Ich möchte mit Euch arbeiten. Vielleicht weniger Referenten, vielleicht kooperatives, interdisziplinäres Lernen. Moderne Technik, sinnvoll eingesetzt. Wissen durch Spaß vermitteln, das möchten wir. Nicht Bestehendes verbessern, sondern Schule neu denken. Das ist der Weg, den wir mit Euch gemeinsam nun gehen wollen.

By | 2017-12-12T16:21:39+00:00 Dezember 12th, 2017|Allgemein, iPad School, News, Villa Wewersbusch|7 Comments

7 Comments

  1. Mark van de Mortel 12/12/2017 at 13:42 - Reply

    Hi Florian,

    eine mutige Entscheidung! Ich erkenne was du schreibst. Du drückst es sehr schön aus. Das Loslassen ausgetretener Pfade erfordert Mut. Ich wünsche dich und deinem Team viel Inspiration bei dieser Suche.

    Mark

  2. Kesseler 12/12/2017 at 18:14 - Reply

    So quer habe ich damals auch gedacht.
    In den Siebzigern, als Albertus Magnus noch persönlich unterrichtete. Und es stimmt auch, dass sich seitdem an anderen Schulen nicht viel verändert hat. Wir produzieren nach wie vor leidenschaftslose Pflichterfüller. Lernen muss uns angehen, muss uns betreffen, muss unter die Haut gehen. Das tut es nicht in der Schule und das tut es auch kaum in den Seminaren.
    Fast alle Kinder sind von Natur aus hochbegabt,
    während und nach der Schule sind es noch wenigen Prozent…..Also lässt uns das ändern.
    Gut, dass die Villa Wewersbusch das erkannt hat und einen neuen Weg sucht und sicher auch finden wird. Bernd Kesseler, Schulleiter…

  3. Frederick Weldon 13/12/2017 at 00:11 - Reply

    Man kann die innovativsten Schulen der Welt in Deutschland betreiben, Schulen die inspirieren und die natürliche Neugier der Kinder nicht zerstören. Aber spätestens wenn es um die Erfüllung der staatlich auferlegten Prüfungen geht, wird es ungemütlich im deutschen Schulsystem. Dann geht es nur noch darum stringente, veralterte Messlatten einer Abschlussprüfung zu erreichen.

    Wer setzt diese Messlatten? In Deutschland werden Curricula auf Länderebene von eingestaubten Schulministerien formuliert. Eine radikale Änderung unseres Bildungssystems benötigt eine politische Bewegung die dringend erforderliche Änderungen im Bildungssystem vollzieht und unterstützt. Aufgrund der zunehmenden Zerspaltung der deutschen Gesellschaft und der Unfähigkeit der Politik das Bildungssystem zu reformieren, bleibt es leider weiterhin beim Status Quo. Das stimmt mich pessimistisch, hält mich aber nicht davon ab zu zeigen, dass es auch anders geht.

    Als Lehrer der Villa Wewersbusch besitze ich die Freiheit und die Werkzeuge meinen Unterricht “inspirierend” zu gestalten. Unsere technische Ausstattung, die Abkehr vom Frontalunterricht und die besondere Innenarchitektur der Schule erlaubt mir mit meinen Schülern Projekte in Angriff zu nehmen die an öffentlichen Schulen nicht möglich sind. Privatschulen können in der deutschen Bildungslandschaft eine Vorreiterrolle spielen.

    Frederick Weldon
    Lehrer
    Villa Wewersbusch

  4. Jule 13/12/2017 at 08:01 - Reply

    Ich verfolge schon lange der VE – bin begeistert, es ist sicher der richtige Weg bei den Lehrern anzusetzen. Mitnehmen, begeistern – nur Mut!
    Habe einen Sohn mit Dyspraxie … an einer Gesamtschule. Die Schüler haben I Pads aber nutzen nur 5 % – weil sie es nicht besser können, Ressourcen haben oder die gewohnten Wege einfacher zu gehen sind. Darum finde ich den Ansatz von Florian richtig. Einfach mal ausbrechen – dann entstehen neue Wege.

  5. Gerlind Große 13/12/2017 at 11:08 - Reply

    Hallo Florian,
    Schule neu denken – da mach ich gerne mit: aktiv, praktisch, mutig. Aber ohne Vernetzung geht es auch nicht. Lassen wir doch die Vorträge einfach mal weg beim nächsten Treffen und denken selber…

  6. Reinhard Arndt 22/12/2017 at 21:21 - Reply

    Moin…an der Beruflichen Schule für medizinische Fachberufe auf der Elbinsel Wilhelmsburg in Hamburg arbeiten wir seit 2006 nach den Prinzipien der Kompetenzorientierung, Individualisierung, Selbststeuerung und Selbstwirksamkeit (KISS). Wir tauschen uns national und international gewinnbringend aus. Mit next:classroom der Firma edu:cube haben wir ein adäquates Cross-Media-System entwickelt. Läuft alles außerordentlich erfolgreich! Also: Raus aus dem Frust-wir machen Schule mit Lust! Ruf einfach an: Reinhard Arndt
    0177 234 78 25
    Schöne Festtage ✨
    Reinhard Arndt

  7. Eva Hornhardt 02/01/2018 at 11:30 - Reply

    Hallo zusammen,
    mir fällt auch nichts wirklich Neues ein, vielleicht der Verweis zum Film
    http://www.alphabet-film.com/worum-geht-es.html
    oder zu den Gehirn-Studien von Gerald Hüther.
    http://www.gerald-huether.de/
    Dennoch macht es mich froh und dankbar, zu lesen,
    wie Sie, Herr Kesseler, um Neues Denken und Neue Schule ringen.
    Meine drei Kinder haben jede Menge Schulen durch….. in der Villa Wewersbusch bin ich hängen geblieben
    und fühle mich mit meinen Ansprüchen verstanden, gesehen und unterstützt –
    und unterstütze im Rahmen meiner Möglichkeiten (Praxistage?) gerne Sie diese besondere Schule.
    Meine Tochter fühlt sich zum ersten Mal richtig wohl und geht gerne in die Schule.
    Das muss Schule erstmal hinkriegen! Also der Status quo ist auch schon Klasse!

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