Best Practice – Einen Fotoroman zur „Marquise von O…“ (H. v. Kleist)

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Die Fachschaft Deutsch der Villa Wewersbusch hat im vergangenen Schuljahr beschlossen, dass die Schüler einer jeden Klasse mindestens einmal im Jahr sich eigenständig in einem Projekt ein Thema erarbeiten. Gemäß Standardsicherung für den Abiturjahrgang 2019 ist die „Marquise von O…“ von Heinrich von Kleist prüfungsrelevant. Wegen des geringen Umfangs der Textvorlage erschien dieses Werk für ein Unterrichtsprojekt als geeignet.

Die Frage blieb, wie die Schüler dieses wegen seiner speziellen Interpunktion und der dadurch verschlüsselten Inhalte doch recht komplizierte Werk von Kleist selbständig erarbeiten konnten. Letztendlich fiel die methodische Entscheidung auf die Erstellung eines Fotoromans, welcher in Form einer Gruppenarbeit angefertigt werden sollte.

An der Villa Wewersbusch dient jeweils ein iTunes U Kurs als Unterrichtsgrundlage. In diesem wurde für die Schüler ersichtlich das Kursziel, die Kursgliederung und Arbeitsweise verdeutlicht.

Des weiteren wird in den jeweiligen Kursen den Schüler das benötigte Material zur Verfügung gestellt. Unter den Beiträgen finden die Schüler ihre Arbeitsanweisungen, die sie arbeitsteilig oder im Team zu bewältigen haben. Gleichzeitig erhalten sie Fristen für die Fertigstellung jeder Teilaufgabe.

Zunächst wurden die Gruppen gebildet, die sich aus jeweils vier Schülern zusammensetzten. In einem Unterrichtsgespräch erhielt die Klasse Informationen über die Aufgabenverteilung innerhalb der Teams. Nach der Bildung der Teams, teilten die SchülerInnen die Aufgaben untereinander auf. Bevor der Text arbeitsteilig von den Schülern gelesen wurde, musste jedes Team, ebenfalls arbeitsteilig, die Biographie des Autors, den historischen Hintergrund sowie das Frauenbild im 18. Jahrhundert wie auch die literaturhistorische Einordnung des Textes erarbeiten. Diese Vorarbeiten sollten ein einfacheres und besseres Textverständnis ermöglichen.

Damit der Zeitrahmen eingehalten werden konnte, wurde den Schüler zu Beginn der Unterrichtsreihe erläutert, dass der Vermittler einer Gruppe die jeweiligen Ergebnisse seines Teams der Fachlehrerin zu vorher festgelegten Terminen vorzulegen hatte. Dieses erwies sich als sehr produktiv, da sich die Gruppenmitglieder anspornten rechtzeitig fertig zu werden und die Ergebnisse im gewünschten Maße dem Buchbeauftragten zu übermitteln. Zusätzlich hatten die SchülerInnen die Aufgabe sich während der Arbeitsphasen gegenseitig begründet zu bewerten.

Die Ergebnisse wurden mit Hilfe der APP Book Creator vom Buchbeauftragten festgehalten. Als Vorlage diente ein vorgearbeitetes Buch, welches den Schülern zur eigenen Ergänzung zur Verfügung gestellt wurde. Die Vorlage basiert auf der Comic-Version, die zusätzlich die Unterteilung einer Seite in unterschiedliche Felder, Textunterschriften und Sprechblasen ermöglicht, so dass der Fotoroman ergänzend als II. Kapitel angehängt werden kann. Nach der ersten Erarbeitungsphase referierten die SchülerInnen ihre Ergebnisse, wobei jede Gruppe jeweils nur ein Teilthema zu präsentieren hatte. Im Anschluss daran wurde die Anzeige der Marquise von O… zum Gesprächsgegenstand im Unterricht. Der Kurs stellte zunächst zum Inhalt und Hergang Vermutungen an. Anschließend wurden die ersten zwei Seiten der Textvorlage gemeinsam gelesen und Zusammenhänge zwischen der Anzeige und dem Textinhalt erarbeitet. Im Zuge dessen erkannten die Schüler auch die Bedeutung des Gedankenstriches:

„(…) und führte sie, die von allen solchen Auftritten sprachlos war, in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen Flügel des Palastes, wo sie völlig bewusstlos niedersank. Hier – traf er, bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück.“

Auf Basis dieses Verständnisses wählten die Schüler die vorgegebenen Leseaufträge in der Gruppe aus. Beim Lesen mussten die Schüler unterschiedliche Schwerpunkte bearbeiten:

  • Den Handlungsverlauf (Zeitstrahl)
  • die Rolle der Familie / der Gesellschaft
  • die Identitätskrise der Marquise
  • die positiven und negativen Aussagen / das Verhalten des Grafen v. F..

Anschließend notierten die Schüler ihre Ergebnisse und fügten diese ebenfalls dem Buch zu.

Auf Basis dieser Kurznotizen wurde in jedem Team das Storyboard geschrieben, welches die Grundlage der Aufnahmen war. Funktion und Aufbau eines Storyboards war zuvor im Unterricht besprochen worden. Abschließend konnten die SchülerInnen die beiden Aufnahmetage, die sie frei zum Arbeiten an unterschiedlichen Orten nutzen konnten, planen. Sie besorgten entsprechende Requisiten, Schüler, die zusätzlich unterstützend helfen würden, Termine für bestimmte Örtlichkeiten u.s.w. Im Anschluss schrieben sie einen Ablaufplan, der auf der Grundlage dieser Vorarbeiten basierte.

Die Ergebnisse zeigten deutlich, ob der Textinhalt, die Charaktere der Personen sowie die Intention von v. Kleist von den SchülerInnen verstanden worden war.

Fazit des Unterrichtsprojekts

Anfänglich mussten die Schüler bei der Bearbeitung der Aufgaben doch sehr stark angeleitet werden. Sie benötigten in den Teams Hilfestellungen bei den auftretenden Konflikten bzgl. der unterschiedlichen Arbeitsgeschwindigkeit, der verschiedenen Arbeitsauffassungen und ihren Ansprüchen an die Qualität der Arbeitsergebnisse. Andererseits zeigte sich aber auch eine große Kollegialität. So halfen stärkere Schüler den Schwächeren ihre Aufgaben zu erarbeiten.

Sobald aber die Planungen der Aufnahmen begannen, zeigten alle SchülerInnen eine intensive Arbeitshaltung und große Begeisterung. Während der beiden Aufnahmetage waren alle sehr intensiv beschäftigt und angespannt; zeigten andererseits aber auch, dass sie große Freude bei der Umsetzung hatten. Die abschließende gegenseitige Bewertung fiel sehr differenziert, sachlich und fair aus, anders als die anfänglichen Konflikte vermuten ließen.

Für mich als Fachlehrerin war die Vorarbeit sehr aufwendig und vielschichtig. Die Zusammenarbeit mit der Kunstlehrerin half mir dabei, den SchülerInnen auch die Grundkenntnisse der Aufnahmetechniken und deren Aussagemöglichkeit zu vermitteln. Dies hat uns zu der Überlegung veranlasst, dass nächste Projekt eher fächerübergreifend anzulegen.

Während der ersten Erarbeitungsphase erwiesen sich die Feedback – Gespräche als sehr hilfreich, denn nur so blieben alle in dem zuvor gesteckten Zeitrahmen. Andererseits war es manchmal doch besonders notwendig, gerade in dieser Phase, regulierend einzugreifen. Die unterschiedlichen Aufgaben machten auch eine Binnendifferenzierung möglich. Die Schüler verteilten die Aufgaben so, dass auch die am Unterricht teilnehmenden chinesischen Austauschschüler intensiv mitarbeiten konnten und so vollkommen in die Teams integriert wurden.

Die SchülerInnen nutzen zur Erarbeitung unterschiedliche und meist frei gewählte APPs:
Einige verwendeten für den Zeitstrahl die APP „Simple Mind“, andere „Numbers“. Des weiteren wurde für die Textpassagen die APP „Pages“ überwiegend genutzt. Über die APP „iTunesU“ kommunizierten die Schüler bei Fragen außerhalb des Unterrichtszeit mit mir und erhielten darüber alle notwendigen Informationen und Termine. Im Zentrum stand aber die APP „Book Creator“. Die von mir vorgefertigte Version wurde von den Schülern vielfältig und umfassend ergänzt, mit Bild- und Kartenmaterial erweitert und abschließend im II. Kapitel mit der Fotostrecke vervollständigt.

Der Enthusiasmus der SchülerInnen während der Aufnahmen und die Zufriedenheit über ihre Ergebnisse hat mich persönlich sehr gefreut. Die Ergebnisse zeigen eine eigene Interpretation der Textaussage und das Textverständnis der SchülerInnen mehr als deutlich.

Beate Mittag, Lehrerin Villa Wewersbusch

 

By | 2017-08-28T17:17:17+00:00 August 27th, 2017|Allgemein, Apps, Aus dem Unterricht|0 Comments

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